Helmut Nölck / Pilgerwege in Europa: Geschichte und Impressionen
Verzicht als Gewinn

Verzicht auf das Auto, Verzicht auf den Terminplan, Verzicht auf die Medien-Unterhaltung: Die Reduktion auf sich selbst und auf den Weg und damit zugleich eine neue Ausweitung des eigenen Bewusstseins auf sich oder auf den Glauben ist das Wesen des Pilgerns. Helmut Nölck stellt die Geschichte bekannter Pilgerwege in Beziehung zu eigenen Erfahrungen auf ihnen.
Einer die bekanntesten Wege ist der Jakobsweg, der in vielen Etappen seit dem Mittelalter durch Europa (und Lübeck) geht und an der vermeintlichen Grabstätte Jakobus des Älteren in Santiago de Compostela endet. Bereits seit 900 n. Chr. ist er bekannt, im 12. / 13. Jh. sollen bis zu 100.000 Pilger unterwegs gewesen sein. Es wurde gepilgert als Nachahmung Christi, als Buße und Strafe, zur Heiligenverehrung und um das eigene Seelenheil. Mit der Reformation und der Aufklärung ging das Pilgerwesen zurück. Erst um 1980 begann die Wiederentdeckung, u.a. durch den Bericht Hape Kerkelings und der Förderung durch Papst Johannes Paul II.
Auch heute hat Pilgern häufig einen spirituellen Hintergrund, wird aber auch als einfaches Wandern durchgeführt. Gleich geblieben ist der tägliche Ablauf: Aufstehen, Frühstück, Wandern, Ankommen. Auf den Strecken, die Helmut Nölck in Spanien, Österreich und Italien gegangen ist, war er oft auf einsamen Wegen, „Mitpilgerer“ aus verschiedenen Ländern traf er abends oft wieder, eine kleine Gemeinschaft auf Zeit entstand. Die Pilgerherbergen reichten von winzigen Klosterzellen über Gemeinschaftsunterkünfte, wie man sie aus Jugendherbergen kennt, bis zu kleinen Apartments in Klöstern. Und noch einen Unterschied zum MA gibt es: Es ist nicht mehr gefährlich. Drohte doch im MA, dass man die Orientierung verlor, dass Naturgewalten den Weg verhinderten, dass Gesetzeslosigkeit die Pilger zu Opfern machte. Wirte mit überhöhten Preisen allerdings mag es heute noch geben… Das Pilgerwesen ist allerdings vom Tourismus erfasst und durch eine entsprechende Infrastruktur gefördert, Santiago de Compostela ist in der „Saison“ überfüllt.
Und Pilgern mit der Reduktion auf Weniges lockt zur Wiederholung: Der Benedikt-Weg ab Passau durch Österreich und der Franziskus-Weg durch Italien nach Assisi wurden von Helmut Nölck auch bereits „erpilgert“!

Mit der Erkenntnis, dass wenig mehr sein kann.


Text und Photos: Michael Leberke 
Photo der Kathedrale: Gustavo Boulhosa / Pixabay
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