„Vergessene und verleugnete Schuld“: Sinti und Roma in Lübeck von 1933 bis heute.

Elisabeth Eßer und Gerhard Eikenbusch zeigen ihre Forschungsergebnisse

„Holt die Wäsche ´rein! Zigeuner[1] kommen!“ In dieser Aussage konzentriert sich das jahrhundertlange Denken über Roma und Sinti: gefährlich, verbrecherisch, asozial. Als der Nationalsozialismus von 1933 an eine Verschärfung der Diskriminierung der vermeintlich „Arbeitsscheuen“ durchführte, gab es schon längst eine Aussonderung der Sinti und Roma. Bereits 1906, so referierten Elisabeth Eßer und Gerhard Eikenbusch, gab es in Preußen Gesetze gegen das „Zigeunerunwesen“, 1920 verbot Lübeck den Sinti und Roma den Aufenthalt im Badeort Travemünde! Die Verfolgung, die Auflösung von Zigeunerlagern, Verhaftungen, Deportation und Ermordungen im Nationalsozialismus waren die Spitze der Diskriminierung.

Und dies geschah natürlich auch in Lübeck! 1939 wurden die Sinti und Roma von ihrem Lager in der Ziegelstraße zwangsumgesiedelt nach Siems/Dänischburg. Im Mai 1940 wurden 62 von ihnen, 10 Familien mit 39 Kindern, verhaftet, ihr Besitz (u.a. ihre Wohnwagen) beschlagnahmt und sie selbst deportiert. Ihre Deportation endete in polnischen Lagern (KZ Belzec, Krychow, Siedlce).

Geradezu skandalös ist die Geschichte der Sinti und Roma nach 1945 in der Bundesrepublik und in Lübeck und Schleswig-Holstein. „Wiedergutmachung“ und Entschädigung gab es im Wesentlichen für Juden und politisch Verfolgte. Bei den Sinti und Roma wurde entgegen besseren Wissens eine Verfolgung geleugnet, die Haftzeit als zu kurz definiert, der Status eines Verfolgten des Nazi-Regimes abgelehnt, da sie ja vorher schon Opfer waren!! Gerichte übernahmen in Streitfällen die faschistische Diktion der NS-Täter.

Erst mit der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma in den 60er Jahren änderte sich die Einstellung langsam.

Diese Erfahrungen haben Folgen für das Selbstverständnis der Sinti und Roma bis heute. Mit Vorsicht und Zurückhaltung wurden die Recherchen Eßers und Eikenbuschs seitens der Sinti und Roma begleitet. Eine namentliche Nennung der Familien und Opfer (z.B. auf „Stolpersteinen“) ist nicht erwünscht, ein freiwilliger Rückzug bleibt. In ihrem Buch „Sinti und Roma in Lübeck von 1933 bis heute“ haben die beiden Autoren stattdessen in Form von anonymisierten „Gedenkblättern“ der Schicksale einzelner Sinti und Roma gedacht.

(In der Kirche ist inzwischen auch erkannt worden, dass sie verschuldet zum Völkermord geschwiegen hat:
https://www.ekd.de/berliner-dom-gedenken-an-ermordete-sinti-und-roma-82539.htm)

[1]Zigeuner“ wird als historisch überholter Begriff kursiv gedruckt.

Text und Photos: Michael Leberke